Deutsche Autoindustrie flüchtet in Rüstungsproduktion als letzte Rettung
Gotthilf WellerDeutsche Autoindustrie flüchtet in Rüstungsproduktion als letzte Rettung
Deutschlands Autoindustrie steckt in einer sich verschärfenden Krise – nach Jahren des Stellenabbaus und finanzieller Belastungen. Durch Inflation, Zölle und den harten Wettbewerb mit China geraten die Gewinne immer stärker unter Druck. Nun setzen die Unternehmen auf Rüstungsproduktion als Rettungsanker. Ökonomen und Branchenvertreter gehen davon aus, dass dieser Wandel die Automobilindustrie in den kommenden zehn Jahren grundlegend verändern könnte.
Die Branche befindet sich seit fünf Jahren in Aufruhr. Allein im vergangenen Jahr gingen über 51.000 Arbeitsplätze verloren – das entspricht sieben Prozent der Belegschaft. Der Kölner Motorenhersteller Deutz AG hat seine deutsche Belegschaft auf 3.000 Mitarbeiter reduziert und konzentriert sich auf Verbrennungsmotoren für Landmaschinen und Industrieanlagen. Gleichzeitig expandiert das Unternehmen jedoch in den Rüstungssektor: Es produziert nun Motoren für Panzer und Haubitzen sowie Stromgeneratoren für die Streitkräfte.
Auch die JOPP Group, ein Zulieferer aus Bad Neustadt an der Saale, hat 500 Stellen abgebaut und beschäftigt noch 1.500 Mitarbeiter. Geschäftsführer Martin Buchs bestätigte die Kürzungen und kündigte gleichzeitig den Einstieg in die Herstellung von Militärdrohnen und unbemannten Fahrzeugen an. Zudem ersetzt das Unternehmen Arbeiter in der Fertigung durch Roboterarme, um die Kosten zu senken.
Mindestens zwei große Zulieferer haben bereits den Schritt in die Rüstungsproduktion vollzogen: Rheinmetall rüstet Werke in Berlin und Neuss für die militärische Fertigung um, während Volkswagen in Verhandlungen steht, um Komponenten für das Raketenabwehrsystem Iron Dome in Osnabrück zu produzieren. Die VW-Tochter MAN-Rheinmetall stellt bereits Militärlastwagen her. Carsten Brzeski, Volkswirt bei der ING, weist darauf hin, dass die geplanten deutschen Rüstungsausgaben der nächsten zehn Jahre notleidende Autofirmen in den Sektor locken.
Der Wandel vollzieht sich vor dem Hintergrund einer sich wandelnden öffentlichen Haltung gegenüber Rüstungsgütern. Unternehmen wie Deutz, die früher zögerten, den Markt zu betreten, sehen in Militäraufträgen nun eine stabile Einnahmequelle.
Für die angeschlagene deutsche Autoindustrie könnte die Rüstungsproduktion ein möglicher Ausweg sein. Angesichts schrumpfender traditioneller Märkte und verschärften Wettbewerbs bieten militärische Aufträge langfristige Verträge und finanzielle Sicherheit. Der Umbruch hat bereits begonnen – und in den kommenden Jahren dürften weitere Unternehmen folgen.






