26 March 2026, 22:32

Klimakrise und Rassismus: Wie die Hamburger Staatsoper Schumanns Peri radikal neu erfindet

Offenes Buch mit einer Skizze von verzweifelten Menschen, beschriftet mit "Die Tragödie" unten.

Klimakrise und Rassismus: Wie die Hamburger Staatsoper Schumanns Peri radikal neu erfindet

Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri

Die Hamburger Staatsoper hat mit einer kühnen Neuinterpretation von Robert Schumanns oratorischem Werk Das Paradies und die Peri aus dem 19. Jahrhundert für Furore gesorgt. Regisseur Tobias Kratzer, der mit dieser Produktion sein Debüt als neuer Intendant des Hauses gibt, inszenierte das Stück mit drastischen modernen Themen – Klimakollaps, rassistische Gewalt und kollektive Schuld. Die Premiere löste zunächst vereinzelt Buhrufe aus, endete jedoch in tosendem Applaus für den wagemutigen Ansatz.

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Das Oratorium erzählt von Peri, einem engelhaften Wesen auf der Suche nach einem Geschenk, das des Paradieses würdig ist. Schumann und sein Librettist Emil Flechsig basierten ihr 1843 uraufgeführtes Werk auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh. Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier jedoch verzichteten auf jeden Exotismus und verankerten die Handlung in der Gegenwart. Der erste Akt zeigte einen modernen Krieg mit Soldaten in zeitgenössischen Uniformen. Eine spätere Szene konfrontierte das Publikum mit der Ermordung eines schwarzen Jugendlichen durch einen Mob – eine schonungslose Auseinandersetzung mit Rassismus und Mittäterschaft.

Der dritte Akt lenkte den Fokus auf die Klimakrise: Kinder spielten unter einer riesigen Plastikkuppel, deren Wände von Verschmutzung durchzogen waren – ein bildgewaltiges Symbol für die Zerstörung der Umwelt. Kratzer durchbrach immer wieder die vierte Wand: So stieg die Sopranistin Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri sogar ins Parkett hinab und setzte sich neben eine weinende Zuschauerin – ein Moment, der Empathie als Schlüssel zum Paradies symbolisierte, nicht große Gesten.

Dirigent Omer Meir Wellber, der neue Generalmusikdirektor der Oper, führte das Philharmonische Staatsorchester zu einer mitreißenden, energiegeladenen Darstellung. Kratzer integrierte zudem multimediale Elemente: bewegliche Kameras und dynamische Lichtinstallationen kommentierten das Bühnengeschehen. Der Chor, unter der Leitung von Francesco Meregaglia, agierte aktiv mit, bewegte sich durch den Zuschauerraum und interagierte direkt mit dem Publikum.

Die Premiere war Teil eines umfassenden Saisonstarts, zu dem auch neue Musiktheaterabende wie Monster's Paradise und eine überarbeitete Fassung von Frauenliebe und -leben zählen. Kratzer hat angekündigt, die Staatsoper einem breiteren Hamburger Publikum zugänglicher zu machen, doch konkrete Pläne für künftige Programme bleiben vorerst unter Verschluss.

Die anfänglichen Buhrufe wichen am Ende lang anhaltendem Jubel – ein Zeichen dafür, dass das Publikum die provokanten Impulse der Inszenierung letztlich annahm. Kratzers Vision, Schumanns romantische Partitur mit drängenden Gegenwartsthemen zu verbinden, setzt ein klares Statement für seine Amtszeit. Die Staatsoper blickt nun gespannt auf weitere grenzüberschreitende Produktionen in der kommenden Spielzeit.

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